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Prof. Dr. Dr. Claus-Artur Scheier 

(2009)

 

 

Geboren 1942 in Leipzig; Studium der Medizin, Psychologie, Philosophie in Hamburg und Freiburg; medizinische Promotion 1968, Approbation 1970; philosophische Promotion 1972, philosophische Habilitation 1979; an der Technischen Universität Braunschweig ab 1972: wissenschaftlicher Assistent, ab 1975: akademischer Rat, von 1982 bis zur Emeritierung 2008: Professor für Philosophie

 

MD: Auf die Gefahr hin, mit dem Schweife zu wedeln: Ihre Kenntnis der Philosophiegeschichte von den Vorsokratikern bis Derrida ist exorbitant. War das, als Sie am Anfang Ihrer Laufbahn standen, ein erklärtes Ziel oder ist dieses Wissen einfach das Produkt wacher Lektüre? Sind Sie dabei, so oder so, chronologisch vorgegangen oder war zuerst ein systematisches Interesse da, das sich dann zwangsläufig auf bestimmte Denker gerichtet hat?

C.-A. Scheier: Ich war zur Zeit meines Medizinstudiums an einige klassische Texte geraten, Aristoteles’ Metaphysik, Thomas’ De ente et essentia, Kants Kritik der reinen Vernunft, die ich nicht verstand und die mich faszinierten. Ich hatte das Gefühl, es ginge da ins Äußerste. Später lernte ich von Heribert Boeder, daß man diese Texte in epochalen Kontexten nachvollziehen könne, und das brachte mich dann auf den Weg, nun, wenn man will: systematischer Ergänzung.

MD: Sie haben zunächst Medizin studiert, dann Philosophie. Was hat sie von der Medizin weg- und zur Philosophie hingeführt? Ähneln beide Disziplinen sich in gewisser Weise, und wenn ja: in welcher Hinsicht?

C.-A. Scheier: Zur Medizin bin ich durch meine naturkundlichen Interessen, durch die Bekanntschaft mit interessanten Ärzten, nicht zuletzt durch meine Primanerlektüre Nietzsches gekommen. Leib und Zeit…

MD: Man sagt, in post-modernen Zeiten sei die Möglichkeit, einen Gesamtblick zu erhaschen, dahin. Nicht zuletzt Ihre Studien zeigen, dies ist nicht richtig. Welche Bedeutung hat der Blick aufs Ganze? – Daran anschließend: Ist es nur dann möglich, eine tragfähig-tiefe Philosophie hervorzubringen, wenn man die Geschichte der Philosophie vindiziert? Oder ist es auch möglich, zu einer tragfähig-tiefen Philosophie zu gelangen, indem man einer systematischen, synchronischen Optik folgt? Kurzum: Gebührt der Geschichte immer der Vorrang oder ist es u. U. von Vorteil, sich von ihr loszusagen?

C.-A. Scheier: Der Moderne hat sich das klassische Ganze ins Offene verwandelt, das den Entwurf, das Modell fordert. Will man eigens die Offenheit des Offenen bedenken (fruchtbare Fragestellungen sind zweifellos auch ohne dies möglich), trifft einen der Schlag der Geschichte. Mich hielt und hält die Philosophie in Atem als An-Denken der Welt-Grenzen und so als genetische Definition oder Selbstbeschreibung ihres jeweiligen geschichtlichen Orts. Die Philosophie sei ihre Zeit in Gedanken erfaßt, hat Hegel zu denken gegeben.

MD: Wie ermöglichen Sie Ihren Studenten einen Einstieg in die Disziplin Philosophie? Wählen Sie einen historisch-philologischen Ansatzpunkt oder lieber ein bestimmtes Problem, das sie dann systematisch entfalten?

C-A. Scheier: Ich gehe gern von exemplarischen Texten aus, ein paar Anfangssätzen, um, die geschichtliche Brechung eingerechnet, auf den Punkt zu kommen, der „jedermann notwendig interessiert“ – durchaus im Sinn der berühmten Kantschen Fragen.

MD: Worin, denken Sie, besteht die (heutige) Aufgabe der Philosophie?

C.-A. Scheier: Mit Benns Glasbläser: Erkenne die Lage – oder sieh zu, daß sich uns das U der Welt nicht ins X des Weltlaufs deformiert.

MD: Kann die Philosophie es sich ungestraft leisten, die Deformationsarbeit der materiellen Wirklichkeit an der Wahrnehmung ebendieser Wirklichkeit geringzuschätzen, um sich lieber in hermeneutischer Selbstgenügsamkeit zu verlieren? Ist ein guter Philosoph gleichzeitig ein umsichtiger Gesellschaftskritiker?

C.-A. Scheier: Ihre Fragen sind schon die Antworten – „ganz recht“ (Arno Schmidt).

MD: Wie wichtig ist der Rekurs auf die großen Philosophen der Vergangenheit? Können wir heute noch von Kant, Hegel, Nietzsche etwas lernen, was uns unsere Wirklichkeit besser verstehen läßt? Oder liegt der Mehrwert der Lektüre allein darin, genauer zu erfahren, warum wir heute da stehen, wo wir stehen? Kann einem, zum Beispiel, die Lektüre der Phänomenologie des Geistes heute noch objektiv die Augen öffnen oder sind die maßgebenden Werke der Vergangenheit – als Orientierung spendende – in letzter Instanz passé?

C.-A. Scheier: Sie sind passé als Weltmodelle, nicht als Weltmodelle. Als solche sind sie paradigmatisch, zeigen: so wird’s gemacht, so weit mußt du gehen, so kommst du an die Grenze, und sagen: Und nun geh.

MD: Die Philosophie hat es in Zeiten wie diesen schwer und immer schwerer. Philosophie meint hier weder den rein akademischen Diskurs noch Modephilosophien, wie etwa die von Sloterdijk. Glauben Sie, daß es in Zukunft noch (einmal) zu philosophischen Leistungen wird kommen können, die an die großen Leistungen der Vergangenheit heranreichen?

C.-A. Scheier: Alle Achtung beiläufig vor Sloterdijk. Im übrigen: Die Zeiten waren immer ›wie diese‹. Man muß nur neu hinschauen, dann schaut die Welt neu zurück. Wem was gelang, darüber mögen die Späteren urteilen. Jetzt haben wir diese Aufgaben.

MD: Wie sehen Sie die Beziehung der Philosophie zu den sie umgebenden Diskursen? Würden Sie sagen, daß die Philosophie, wie seit alters, zwingende Gründe hat, eine privilegierte Sicht der Dinge zu behaupten? Oder ist sie nur noch eine Disziplin unter anderen, ohne besondere Sprengkraft, ohne neue Perspektiven?

C.-A. Scheier: Die Philosophie ist keine, auch keine privilegierte Sicht der Dinge, sondern ein Erproben der Möglichkeit und der sogenannten Bedingungen der Möglichkeit, von Dingen zu sprechen – läßt die Grenze der Sprache zur Sprache kommen, die Herkunft aller Perspektiven.

MD: Bekannt ist, Sie lieben die Musik. Bevorzugen Sie bestimmte Komponisten (auch) aufgrund außermusikalischer Kriterien? Ich erinnere an Adornos Sibelius-Verdikt etwa, das mehr über Adorno aussagt als über Sibelius. Vielleicht hätte Adorno an Sibelius Gefallen haben können, wenn ihm nicht die Festlegung auf eine bestimmte ästhetische Position – also ein außermusikalischer Grund – den Zugang zu Sibelius’ Klangwelt vonv ornherein versperrt hätte? Haben Sie vielleicht auch ein ästhetisches (außermusikalisches) Apriori, von dem Sie sich leiten lassen? Oder lieben Sie Musik allein um ihrer selbst willen? Wer sind weshalb Ihre Favoriten?

C.-A. Scheier: Adorno (von dem allemal zu lernen ist) konzipierte als Denker der klassischen Moderne notgedrungen eine normative Ästhetik. Von daher ist sein Umgang mit Richard Strauss, Sibelius, Strawinsky usf. so verständlich wie (in unsrer medialen Moderne) obsolet. Ist nun Glück des Hörens ein außermusikalisches Kriterium? Ich liebe Domenico Scarlatti, Mozart, Beethoven, Rossini, Berlioz, Liszt, Brahms, Richard Strauss, Sibelius, Strawinsky, Miles Davis, um nur einige zu nennen.

MD: Welche inhaltlichen und stilistischen Eigenschaften entscheiden für Sie darüber, ob ein philosophischer Text gut ist? Ich meine nicht das Genre der kommentierenden, philologischen oder sonstwie supplementären Schriften, sondern Primärtexte: Texte, die sich neuen philosophischen Problemen widmen bzw. auf alte philosophische Probleme neue Antworten suchen. Wann ist für Sie ein solcher Text gelungen/bedeutend/wegweisend?

C.-A. Scheier: Wie bei den großen Epen, von der Ilias bis Gravity’s Rainbow, ist jeder Weltentwurf ein neues Sprachwerk, von Heraklit bis Derrida, die Sprache nicht Medium der Kommunikation, sondern Bau, die Periode, der Satz, das Wort gedacht, gesetzt, durch Analyse beliebig belastbar, ohne zu zerbröseln…

MD: Planen Sie noch oder arbeiten Sie bereits an einem weiteren größeren Werk? Gibt es etwas, worüber Sie bis jetzt noch nicht gearbeitet haben, worüber Sie aber gerne arbeiten würden?

C.-A. Scheier: Es geht mir wohl ein wenig wie Boiardo und Ariost: Darauf zu sehen, die alten und die neu sich herbeispinnenden Fäden zusammenzuhalten und an schicklichen Stellen zu verknüpfen – vielleicht unter dem Titel: Aura und Faktizität. Zur Philosophie der Gegenwart?

 

 

 

 

 

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